Krücke – Peter Härtling
Einleitung
Krücke ist ein Kinder- und Jugendroman von Peter Härtling. Das Buch erschien 1986 bei Beltz & Gelberg und wurde 1993 verfilmt. Die Handlung spielt 1945 in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Die Hauptfigur ist der zwölfjährige Thomas. Während der Flucht wird er von seiner Mutter getrennt. Beide haben vereinbart, sich in Wien bei einer Tante zu treffen, doch deren Haus ist zerstört. Thomas steht plötzlich allein in einer fremden, chaotischen Stadt und weiß nicht, ob seine Mutter noch lebt.
In dieser Situation begegnet er einem beinamputierten ehemaligen Wehrmachtssoldaten. Der Mann heißt eigentlich Eberhard Wimmer, nennt sich wegen seiner Gehhilfe jedoch „Krücke“. Zunächst wirkt er rau, unzuverlässig und in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt, doch nach und nach wird er für Thomas zu Freund, Beschützer und Ersatzvater.
Gemeinsam suchen sie nach einem Weg aus Wien. Sie finden zeitweise Unterkunft bei Bronka, einer jüdischen Frau, der Krücke während der NS-Zeit geholfen hat. Bronka erinnert daran, dass der Krieg nicht für alle Menschen dieselbe Geschichte bedeutet: Während Krücke als Soldat verwundet wurde, hat sie Verfolgung und Vernichtung überlebt.
Der Roman verbindet deshalb eine Abenteuergeschichte mit ernstem historischem Lernen. Thomas und Krücke müssen Hunger, Transporte, Unsicherheit und Trennung überstehen. Gleichzeitig lernen beide, einander zu vertrauen und Verantwortung zu übernehmen.
Steckbrief zum Werk
- Titel: Krücke
- Autor: Peter Härtling
- Erscheinungsjahr: 1986
- Verlag: Beltz & Gelberg
- Gattung: Kinder- und Jugendroman / historischer Roman
- Literarischer Kontext: deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart
- Handlungszeit: Ende des Zweiten Weltkriegs und unmittelbare Nachkriegszeit
- Handlungsorte: Wien, Flüchtlingstransport, schwäbische Kleinstadt und München
- Hauptfiguren: Thomas und Krücke / Eberhard Wimmer
- Wichtige Nebenfigur: Bronka
- Zentrale Themen: Krieg, Flucht, Verlust, Freundschaft, Ersatzfamilie, Schuld, Überleben, Hoffnung
- Wichtige Motive: Krücke, Suchdienst, Güterzug, zerstörtes Haus, Hunger, Reise und Abschied
- Verfilmung: 1993 unter der Regie von Jörg Grünler
- Besonderheit: Historische Ereignisse werden konsequent aus der Perspektive eines Kindes erfahrbar gemacht.
Kurze Anleitung für Schüler
Worauf du beim Lesen achten solltest: Beobachte, wie sich Thomas und Krücke gegenseitig verändern. Thomas braucht Schutz, während Krücke durch Thomas wieder lernt, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen.
Die wichtigste Grundidee: Familie entsteht im Roman nicht nur durch Verwandtschaft. Thomas und Krücke bilden zeitweise eine selbst gewählte Gemeinschaft, weil sie einander Sicherheit geben.
Für Klassenarbeiten wichtig: Achte auf Thomas’ Entwicklung, Krückes widersprüchlichen Charakter, Bronkas historische Bedeutung, die Darstellung der Nachkriegszeit und den Abschied am Ende.
Kurze Zusammenfassung
Der zwölfjährige Thomas wird am Ende des Zweiten Weltkriegs von seiner Mutter getrennt. Sie wollen sich in Wien bei seiner Tante treffen, doch das Haus der Tante ist zerstört. Thomas bleibt allein zurück und versucht, sich in der verwüsteten Stadt zurechtzufinden.
Dort begegnet er dem ehemaligen Soldaten Eberhard Wimmer, der wegen seines amputierten Beins eine Gehhilfe benutzt und sich selbst „Krücke“ nennt. Krücke lebt vom Schwarzmarkt und wirkt zunächst nicht besonders vertrauenswürdig. Trotzdem nimmt er Thomas unter seinen Schutz.
Beide finden Unterkunft bei Bronka, einer jüdischen Freundin Krückes. Sie fordert Krücke auf, Thomas beim Suchdienst des Roten Kreuzes zu melden und mit ihm nach Deutschland zurückzukehren. Bronka selbst entscheidet sich später, mit jüdischen Waisenkindern nach Palästina auszuwandern.
Thomas und Krücke reisen in einem überfüllten Güterzug nach Deutschland. Nach vielen Wochen gelangen sie in eine schwäbische Kleinstadt und versuchen dort, ein neues Alltagsleben aufzubauen. Zwischen beiden entsteht eine enge Freundschaft, die einer Vater-Sohn-Beziehung ähnelt.
Schließlich erfahren sie, dass Thomas’ Mutter in München lebt. Thomas kehrt zu ihr zurück, muss sich dafür aber von Krücke trennen. Der Roman endet mit einem schmerzhaften Abschied, zeigt jedoch zugleich, dass ihre gemeinsame Zeit beide dauerhaft verändert hat.
Ausführliche Inhaltsangabe
Die Handlung beginnt im Frühjahr 1945. Der Krieg ist fast beendet, doch für die Zivilbevölkerung herrschen weiterhin Chaos, Angst und Hunger. Thomas flieht gemeinsam mit seiner Mutter, wird aber während der unübersichtlichen Reise von ihr getrennt.
Vor der Trennung haben beide einen Treffpunkt vereinbart: die Wohnung einer Tante in Wien. Thomas erreicht die Stadt, findet dort jedoch nur Zerstörung. Das Haus der Tante existiert nicht mehr, und niemand kann ihm sagen, wo seine Mutter ist.
Wien ist voller Flüchtlinge, Heimkehrer und Menschen, die nach Angehörigen suchen. Behörden funktionieren nur eingeschränkt, Lebensmittel sind knapp, und der Schwarzmarkt bestimmt einen großen Teil des Alltags. Thomas erlebt die Stadt als fremd und bedrohlich.
In dieser Situation lernt er Krücke kennen. Der ehemalige Soldat hat im Krieg ein Bein verloren und bewegt sich mit einer Gehhilfe. Sein Spitzname verweist auf die sichtbare Kriegsverletzung, aber auch auf seine Rolle als Stütze für Thomas.
Krücke wirkt zunächst grob und undurchsichtig. Er kennt die Regeln des Schwarzmarkts und weiß, wie man in der zerstörten Stadt an Essen und Unterkunft kommt. Thomas ist auf diese Erfahrung angewiesen, bleibt aber misstrauisch.
Nach und nach entsteht zwischen beiden Vertrauen. Krücke kümmert sich um Thomas, beschafft Nahrung und verhindert, dass der Junge völlig schutzlos bleibt. Thomas wiederum gibt Krücke einen Grund, nicht nur an das eigene Überleben zu denken.
Die beiden kommen bei Bronka unter. Sie ist eine jüdische Frau und kennt Krücke aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Geschichte zeigt, dass Krücke trotz seiner Fehler zu mutigem und solidarischem Handeln fähig ist.
Bronka durchschaut Krücke besser als Thomas. Sie weiß, dass er sich gern vor Verantwortung drückt, und fordert ihn deshalb auf, den Jungen offiziell beim Suchdienst des Roten Kreuzes zu melden. Für Thomas wird der Suchdienst zum Symbol der Hoffnung, seine Mutter doch noch zu finden.
Bronka plant gleichzeitig ihre eigene Zukunft. Sie will Europa verlassen und mit jüdischen Waisenkindern nach Palästina gehen. Ihre Entscheidung zeigt, wie tief die Verfolgung das Vertrauen vieler Überlebender in Europa zerstört hat.
Thomas und Krücke müssen Wien schließlich verlassen. Sie schließen sich einem Transport nach Deutschland an. Die Fahrt findet unter entwürdigenden Bedingungen statt: Menschen reisen dicht gedrängt, besitzen kaum Nahrung und wissen nicht genau, wo sie ankommen werden.
Der Güterzug wird zum Bild einer entwurzelten Nachkriegsgesellschaft. Soldaten, Flüchtlinge, Kinder und Erwachsene bewegen sich durch ein zerstörtes Europa, ohne Sicherheit oder festen Wohnort. Für Thomas ist die Reise zugleich eine Fortsetzung der Suche nach seiner Mutter.
Während der Fahrt muss Krücke trotz seiner Behinderung Verantwortung übernehmen. Sein fehlendes Bein erschwert viele Situationen, doch er weigert sich, Thomas allein zu lassen. Thomas hilft ihm ebenfalls, wodurch ihre Beziehung zunehmend gegenseitig wird.
Nach mehreren Wochen erreichen beide eine schwäbische Kleinstadt. Dort versuchen sie, sich ein neues Leben aufzubauen. Im Vergleich zu Wien wirkt der Ort ruhiger, aber auch hier bestimmen Lebensmittelknappheit, Wohnungsnot und Unsicherheit den Alltag.
Thomas besucht wieder eine Schule und beginnt, sich an regelmäßige Abläufe zu gewöhnen. Krücke sucht Arbeit und versucht, sich in ein ziviles Leben einzufinden. Das ist schwierig, weil der Krieg seinen Körper, seine Gewohnheiten und seine Zukunft beschädigt hat.
Zwischen Thomas und Krücke entsteht nun eine fast familiäre Ordnung. Sie streiten, helfen einander und teilen ihren Alltag. Thomas sieht in Krücke nicht mehr nur einen zufälligen Begleiter, sondern einen Menschen, auf den er sich verlassen kann.
Krücke übernimmt dabei eine Vaterrolle, ohne ein idealer Vater zu sein. Er ist launisch, manchmal unzuverlässig und emotional unsicher. Gerade diese Fehler machen die Beziehung glaubwürdig, denn Verantwortung entsteht bei ihm nicht selbstverständlich, sondern Schritt für Schritt.
Die Suche nach Thomas’ Mutter bleibt im Hintergrund bestehen. Schließlich kommt die Nachricht, dass sie in München gefunden wurde. Für Thomas erfüllt sich damit die Hoffnung, die ihn seit Beginn der Handlung getragen hat.
Die Nachricht löst jedoch keine reine Freude aus. Thomas erkennt, dass er Krücke verlassen muss. Er steht zwischen seiner leiblichen Familie und der Beziehung, die während der Flucht entstanden ist.
Thomas fährt nach München und findet seine Mutter wieder. Der Abschied von Krücke fällt beiden schwer, weil sie wissen, dass ihre besondere Gemeinschaft nicht einfach fortgesetzt werden kann. Dennoch bleibt die gemeinsame Erfahrung ein Teil ihres Lebens.
Reihenfolge der wichtigsten Ereignisse
- Thomas wird während der Flucht von seiner Mutter getrennt.
- Er reist zum vereinbarten Treffpunkt nach Wien.
- Das Haus seiner Tante ist zerstört.
- Thomas bleibt ohne Schutz in der fremden Stadt zurück.
- Er begegnet dem beinamputierten ehemaligen Soldaten Krücke.
- Krücke nimmt Thomas unter seinen Schutz.
- Beide finden Unterkunft bei Bronka.
- Bronka fordert Krücke auf, Thomas beim Roten Kreuz zu melden.
- Der Suchdienst beginnt nach Thomas’ Mutter zu suchen.
- Bronka entscheidet sich zur Auswanderung nach Palästina.
- Thomas und Krücke verlassen Wien.
- Sie reisen mehrere Wochen in einem Güterzug nach Deutschland.
- Beide erreichen eine schwäbische Kleinstadt.
- Sie bauen dort einen provisorischen Alltag auf.
- Krücke und Thomas werden zu einer Ersatzfamilie.
- Der Suchdienst findet Thomas’ Mutter in München.
- Thomas kehrt zu ihr zurück.
- Er muss sich von Krücke verabschieden.
Figurenkonstellation
Im Zentrum stehen Thomas und Krücke. Thomas ist ein Kind ohne Mutter, Krücke ein verletzter Erwachsener ohne stabile Familie. Ihre Bedürfnisse ergänzen sich: Thomas braucht Schutz, Krücke braucht eine Aufgabe und menschliche Nähe.
Thomas ist mit seiner Mutter durch Liebe und Hoffnung verbunden, aber räumlich von ihr getrennt. Zu Krücke entwickelt er eine Beziehung, die zunehmend einer Vater-Sohn-Beziehung ähnelt.
Krücke steht zwischen Vergangenheit und Zukunft. Seine Kriegsverletzung bindet ihn an die Vergangenheit, während Thomas ihn dazu zwingt, wieder Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Bronka verbindet persönliche Hilfe mit historischer Erinnerung. Sie ist Krückes Freundin, Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und moralische Instanz. Sie bringt Krücke dazu, Thomas nicht nur kurzfristig zu versorgen, sondern ernsthaft für ihn zu handeln.
Thomas’ Mutter bleibt lange abwesend, ist aber das Ziel seiner Reise. Ihre spätere Rückkehr beendet die Ersatzfamilie mit Krücke, ohne deren Bedeutung aufzuheben.
Charakterisierung der wichtigsten Figuren
Thomas
Thomas ist zwölf Jahre alt und muss in einer extremen Situation schnell selbstständig werden. Zu Beginn ist er verängstigt, orientierungslos und vollständig auf die Suche nach seiner Mutter konzentriert. Trotzdem besitzt er Mut und gibt nicht auf.
Er beobachtet Krücke kritisch und vertraut ihm nicht sofort. Diese Vorsicht ist verständlich, weil Thomas gelernt hat, dass Erwachsene nicht immer Sicherheit bieten können. Nach und nach erkennt er jedoch Krückes Hilfsbereitschaft.
Thomas entwickelt sich von einem schutzbedürftigen Kind zu einem Jugendlichen, der selbst Verantwortung übernimmt. Er unterstützt Krücke während der Reise und lernt, schwierige Entscheidungen auszuhalten. Am Ende kann er sich von Krücke trennen, obwohl ihm die Beziehung wichtig bleibt.
Krücke / Eberhard Wimmer
Krücke ist ein ehemaliger Wehrmachtssoldat, der im Krieg ein Bein verloren hat. Seine körperliche Verletzung ist sichtbar, seine seelischen Verletzungen zeigen sich dagegen in Zynismus, Unruhe und der Angst vor festen Bindungen.
Er lebt praktisch und kennt die Regeln des Überlebens. Schwarzmarktgeschäfte und Improvisation gehören zu seinem Alltag. Gleichzeitig ist er nicht gefühllos: Seine frühere Hilfe für Bronka und sein Verhalten gegenüber Thomas zeigen Mut und Menschlichkeit.
Krücke ist widersprüchlich. Er kann rau, unzuverlässig und egoistisch wirken, übernimmt aber immer mehr Verantwortung. Durch Thomas gewinnt sein Leben wieder Richtung, und aus dem Überlebenskünstler wird zeitweise ein fürsorglicher Ersatzvater.
Bronka
Bronka ist eine jüdische Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung. Sie erscheint selbstbewusst, klar und moralisch stärker als viele andere Erwachsene im Roman. Krücke hat ihr früher geholfen, und zwischen beiden besteht eine enge, aber komplizierte Verbindung.
Sie erkennt Thomas’ Schutzbedürftigkeit sofort und drängt Krücke zu verantwortlichem Handeln. Gleichzeitig entscheidet sie selbst über ihre Zukunft und schließt sich jüdischen Waisenkindern auf dem Weg nach Palästina an. Bronka steht damit für Erinnerung, Selbstbestimmung und einen Neuanfang außerhalb Europas.
Themen und Motive
Krieg und Nachkriegszeit
Der Krieg ist militärisch fast beendet, wirkt aber überall weiter. Zerstörte Häuser, verletzte Menschen, Hunger und Flucht bestimmen den Alltag. Der Roman zeigt, dass ein Kriegsende nicht sofort Frieden und Sicherheit bedeutet.
Flucht und Heimatlosigkeit
Thomas, Krücke, Bronka und viele Nebenfiguren besitzen keinen sicheren Ort. Sie bewegen sich zwischen zerstörten Städten, Lagern und Transporten. Heimat erscheint dadurch weniger als geografischer Ort denn als Beziehung zu Menschen.
Freundschaft und Ersatzfamilie
Thomas und Krücke sind nicht verwandt, bilden aber eine provisorische Familie. Ihre Beziehung zeigt, dass Fürsorge und Verantwortung auch außerhalb traditioneller Familienstrukturen entstehen können.
Verlust und Behinderung
Thomas verliert vorübergehend seine Mutter, Krücke verliert ein Bein und Bronka einen großen Teil ihrer bisherigen Welt. Diese Verluste verschwinden nicht, bestimmen aber nicht vollständig die Zukunft der Figuren.
Schuld und Verantwortung
Krücke war Soldat in der deutschen Wehrmacht, hat aber zugleich Bronka geholfen. Der Roman vermeidet einfache Einteilungen und zeigt, dass persönliches Handeln innerhalb historischer Schuld dennoch wichtig bleibt.
Hoffnung
Der Suchdienst, die Reise und das Wiedersehen mit der Mutter tragen das Motiv der Hoffnung. Diese Hoffnung ist nie sicher, gibt Thomas aber die Kraft, weiterzugehen.
Interpretation
Krücke kann als historischer Roman über das Jahr 1945 gelesen werden, ist aber zugleich eine Geschichte über Beziehungen. Die äußere Handlung führt Thomas von Wien über einen Flüchtlingstransport nach Süddeutschland und schließlich zu seiner Mutter. Die innere Handlung zeigt, wie aus Misstrauen Vertrauen und aus einer zufälligen Begegnung eine Familie auf Zeit entsteht.
Der Titel verweist zunächst auf Krückes Spitznamen und seine Gehhilfe. Darüber hinaus besitzt die Krücke eine symbolische Bedeutung: Sie stützt einen Menschen, der allein nicht sicher gehen kann. Genau diese Funktion übernehmen Thomas und Krücke gegenseitig. Krücke schützt Thomas in der zerstörten Welt, während Thomas Krücke seelischen Halt und eine neue Aufgabe gibt.
Die Beziehung ist nicht idealisiert. Krücke ist kein makelloser Held und Thomas kein passives Opfer. Beide streiten, zweifeln und sind zeitweise voneinander enttäuscht. Gerade deshalb wirkt ihre Verbundenheit glaubwürdig.
Bronkas Rolle erweitert die Geschichte um die Perspektive jüdischer Überlebender. Sie verhindert, dass die deutsche Nachkriegsnot isoliert betrachtet wird. Hunger und Vertreibung der Deutschen sind real, stehen aber neben der systematischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.
Härtling erzählt diese Zusammenhänge kindgerecht, ohne sie zu verharmlosen. Thomas versteht nicht jede historische Dimension, nimmt aber Bronkas Haltung und Krückes Vergangenheit wahr. Der Leser kann dadurch mehr erkennen als die Hauptfigur selbst.
Der Güterzug ist ein besonders wichtiges Motiv. Er transportiert Menschen wie Waren und zeigt ihre Entwürdigung. Zugleich führt er Thomas und Krücke aus Wien heraus und eröffnet die Möglichkeit eines neuen Anfangs.
Die schwäbische Kleinstadt steht für eine vorsichtige Rückkehr zum Alltag. Schule, Arbeit und Unterkunft sind noch unsicher, geben den Figuren aber erstmals wieder Struktur. Diese Ordnung bleibt jedoch provisorisch, weil Thomas weiterhin nach seiner Mutter sucht.
Das Wiedersehen mit der Mutter ist emotional ambivalent. Es erfüllt Thomas’ größtes Ziel, zwingt ihn aber gleichzeitig zur Trennung von Krücke. Der Roman zeigt damit, dass ein glückliches Ereignis auch Verlust verursachen kann.
Der Schluss macht deutlich, dass Ersatzfamilien nicht weniger bedeutend sind, nur weil sie zeitlich begrenzt bleiben. Krücke kann Thomas’ Mutter nicht ersetzen, doch ohne ihn hätte Thomas die Suche vermutlich nicht überstanden. Ihre Freundschaft bleibt deshalb ein wesentlicher Teil von Thomas’ Entwicklung.
Literarische Einordnung / Epoche
Krücke gehört zur deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Zugleich ist das Werk ein historischer Jugendroman, weil es die letzten Kriegsmonate und die unmittelbare Nachkriegszeit aus zeitlicher Distanz darstellt.
Peter Härtling verbindet historische Fakten mit einer kindlichen Perspektive. Diese Form macht Geschichte anschaulich, ohne den Roman in ein Sachbuch zu verwandeln. Leser erfahren, wie politische Ereignisse den Alltag einzelner Menschen bestimmen.
Das Buch gehört außerdem zur realistischen Kinderliteratur. Hunger, Behinderung, Schwarzmarkt, Flucht und Antisemitismus werden nicht ausgeblendet. Dennoch bleibt die Handlung verständlich und konzentriert sich auf persönliche Beziehungen.
Typisch für Härtlings Kinderromane ist die respektvolle Darstellung junger Figuren. Thomas wird nicht nur als hilfloses Kind gezeigt, sondern als Mensch, der beobachtet, urteilt und Verantwortung übernehmen kann.
Sprache und Erzählweise / Aufbau
Der Roman wird weitgehend aus Thomas’ Perspektive erzählt. Dadurch erlebt der Leser Unsicherheit, Hunger, Hoffnung und Angst unmittelbar. Historische Zusammenhänge werden nicht abstrakt erklärt, sondern über konkrete Situationen sichtbar.
Die Sprache ist klar und gut verständlich, ohne die schwierigen Themen zu vereinfachen. Dialoge spielen eine wichtige Rolle, weil sie die wachsende Nähe zwischen Thomas und Krücke zeigen. Krückes raue Ausdrucksweise passt zu seiner Lebenserfahrung und unterscheidet ihn deutlich von Thomas.
Der Aufbau folgt einer Reisebewegung. Wien, Bronkas Unterkunft, Güterzug, schwäbische Kleinstadt und München bilden einzelne Stationen. Jede Station verändert die Beziehung zwischen Thomas und Krücke.
Die Handlung ist grundsätzlich chronologisch. Spannung entsteht vor allem aus der offenen Frage, ob Thomas seine Mutter wiederfinden wird. Gleichzeitig entwickelt sich eine zweite Spannung: Was geschieht mit der Beziehung zu Krücke, wenn die Suche erfolgreich ist?
Wichtige Symbole und Motive
Die Krücke: Sie ist Gehhilfe, Spitzname und Symbol gegenseitiger Unterstützung. Krücke braucht sie körperlich, Thomas braucht ihn als Beschützer.
Das zerstörte Haus: Es zeigt den Verlust von Heimat und die Unsicherheit alter Pläne. Thomas erreicht den vereinbarten Ort, findet dort aber keine Sicherheit.
Der Suchdienst: Er steht für Hoffnung, Ordnung und die mühsame Wiederverbindung getrennter Familien.
Der Güterzug: Er symbolisiert Entwurzelung und Entwürdigung, zugleich aber auch Bewegung in Richtung eines möglichen Neuanfangs.
Hunger: Hunger macht die körperliche Not der Nachkriegszeit unmittelbar sichtbar und zwingt die Figuren zu schwierigen Entscheidungen.
Der Abschied: Der Abschied von Bronka und später von Krücke zeigt, dass Überleben häufig mit erneuten Trennungen verbunden ist.
Meine Meinung
Krücke ist besonders stark, weil der Roman historische Not nicht nur beschreibt, sondern durch Thomas’ Erfahrungen fühlbar macht. Der Leser versteht, wie bedrohlich eine zerstörte Stadt für ein alleinstehendes Kind sein muss.
Krücke gehört zu den interessantesten Figuren, weil er nicht idealisiert wird. Er ist kein klassischer Held, sondern ein verletzter, widersprüchlicher Mann, der erst durch die Verantwortung für Thomas über sich hinauswächst.
Auch Bronka ist wichtig, weil sie die Geschichte moralisch und historisch erweitert. Ihre Entscheidung zur Auswanderung zeigt, dass das Ende des Krieges für Überlebende nicht automatisch eine Rückkehr in ein normales Leben bedeutet.
Für Schüler eignet sich der Roman gut, weil er Freundschaft und Spannung mit historischem Lernen verbindet. Manche Situationen sind hart, doch der Text verliert nie vollständig die Hoffnung auf menschliche Nähe und einen Neuanfang.
Fazit
Krücke von Peter Härtling ist ein historischer Kinder- und Jugendroman über Flucht, Verlust und Freundschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der zwölfjährige Thomas sucht seine Mutter und findet in dem Kriegsinvaliden Krücke einen unerwarteten Beschützer.
Während ihrer gemeinsamen Reise werden beide zu einer Ersatzfamilie. Thomas lernt Selbstständigkeit und Verantwortung, Krücke gewinnt durch den Jungen wieder Nähe und Lebenssinn. Bronka erinnert zugleich an die jüdische Verfolgung und an die moralische Verantwortung der Nachkriegszeit.
Am Ende findet Thomas seine Mutter wieder, muss sich aber von Krücke trennen. Der Roman zeigt damit, dass Rettung und Verlust eng nebeneinanderliegen können. Seine wichtigste Aussage lautet: Menschen können einander auch in zerstörten Zeiten Halt geben und für eine begrenzte Zeit zur Familie werden.
FAQ
Wer hat Krücke geschrieben?
Krücke wurde von Peter Härtling geschrieben.
Wann erschien Krücke?
Der Roman erschien 1986 bei Beltz & Gelberg.
Wie alt ist Thomas?
Thomas ist zwölf Jahre alt.
Wer ist Krücke?
Krücke heißt eigentlich Eberhard Wimmer und ist ein beinamputierter ehemaliger Wehrmachtssoldat.
Warum heißt er Krücke?
Er nennt sich nach der Gehhilfe, die er wegen seines amputierten Beins benötigt.
Worum geht es im Roman?
Thomas sucht nach seiner Mutter und reist gemeinsam mit Krücke durch die zerstörte Nachkriegswelt.
Wer ist Bronka?
Bronka ist eine jüdische Freundin Krückes und eine wichtige moralische Bezugsperson.
Welche Rolle spielt das Rote Kreuz?
Der Suchdienst hilft dabei, Thomas’ vermisste Mutter zu finden.
Wo spielt Krücke?
Die Handlung führt von Wien über einen Flüchtlingstransport nach Süddeutschland und München.
Findet Thomas seine Mutter wieder?
Ja, der Suchdienst findet sie schließlich in München.
Wie endet der Roman?
Thomas kehrt zu seiner Mutter zurück und muss sich von Krücke verabschieden.
Was ist die zentrale Aussage?
Der Roman zeigt, dass Freundschaft und Verantwortung Menschen in Zeiten von Krieg, Flucht und Heimatlosigkeit Halt geben können.

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