Wie Güllen Schritt für Schritt seine Moral verliert – Der Besuch der alten Dame

Gelbe Schuhe und wachsende Einkaufstaschen auf dem Marktplatz von Güllen als Zeichen für Geld, Verdrängung und moralischen Verfall.

Zusammenfassung24 Denkwerkstatt

Die Güllener entscheiden nicht in einem einzigen Augenblick, Alfred Ill zu töten. Sie gewöhnen sich schrittweise an den Gedanken, kaufen auf Kredit und verwandeln ihren Wunsch nach Wohlstand in eine angeblich moralische Entscheidung. Gerade dieses langsame Abrutschen macht Dürrenmatts Drama so beunruhigend.

Claire bietet keine neutrale Gerechtigkeit an

Alfred Ill hat Claire als junge Frau schweres Unrecht zugefügt: Er leugnete die Vaterschaft und bestach Zeugen. Claires Anspruch entsteht daher nicht aus dem Nichts. Trotzdem macht er ihre spätere Forderung nicht gerecht. Sie verbindet die finanzielle Rettung einer ganzen Stadt mit dem Tod eines Menschen und ersetzt ein unabhängiges Urteil durch private Macht.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Ill schuldig geworden ist. Entscheidend ist, ob eine Milliardärin Schuld nach eigenen Regeln bestrafen und andere Menschen kaufen darf. Die Güllener behaupten lange, das Angebot abzulehnen – ihr Verhalten sagt jedoch etwas anderes.

Sieben Schritte in den moralischen Bankrott

1

Empörung als Selbstbild

Zu Beginn weisen die Bürger das Angebot scheinbar geschlossen zurück. Sie erklären sich zu Humanisten und verteidigen Gerechtigkeit. Diese Reaktion beweist aber noch keine gefestigte Moral; sie zeigt zunächst, wie Güllen gesehen werden möchte.

Warnsignal: Große moralische Worte kosten noch nichts, solange niemand auf Wohlstand verzichten muss.
2

Konsum auf Kredit

Die Bürger kaufen bessere Waren, obwohl das versprochene Geld noch nicht ausgezahlt ist. Besonders die neuen gelben Schuhe werden zum sichtbaren Zeichen. Jeder einzelne Einkauf kann harmlos wirken; gemeinsam setzen sie Ills Tod bereits wirtschaftlich voraus.

Warnsignal: Die Tat wird im Alltag vorbereitet, bevor jemand sie öffentlich beschließt.
3

Verdrängung durch Sprache

Niemand sagt offen: „Wir werden Ill töten.“ Stattdessen sprechen die Menschen über Aufschwung, Zukunft und Gerechtigkeit. Sprache verdeckt den Zusammenhang zwischen ihrem Konsum und der erwarteten Gegenleistung.

Warnsignal: Je edler die Begründungen klingen, desto unsichtbarer wird das konkrete Opfer.
4

Institutionen versagen

Ill sucht Hilfe beim Polizisten, Bürgermeister und Pfarrer. Gerade die Institutionen, die Recht, Politik und Moral vertreten sollen, schützen ihn nicht wirksam. Ihre Vertreter sind bereits Teil des kollektiven Erwartens.

Warnsignal: Wenn alle Institutionen dieselbe Abhängigkeit teilen, bleibt formale Ordnung bestehen, während ihr moralischer Inhalt verschwindet.
5

Der Einzelne wird isoliert

Am Bahnhof könnte Ill fliehen. Die Bürger behaupten, ihn nicht aufzuhalten, bilden aber eine bedrohliche Masse. Niemand muss offen Gewalt anwenden. Die gemeinschaftliche Präsenz reicht aus, um seine Handlungsmöglichkeit zu zerstören.

Warnsignal: Kollektiver Druck kann tödlich wirken, obwohl jedes Mitglied seine persönliche Unschuld behauptet.
6

Aus Interesse wird moralische Rechtfertigung

Die Bürger wollen nicht als käuflich erscheinen. Deshalb deuten sie ihre Entscheidung um: Angeblich handeln sie nicht wegen des Geldes, sondern um der Gerechtigkeit willen. Damit wird wirtschaftliches Interesse in eine moralische Pflicht verwandelt.

Warnsignal: Selbsttäuschung ist vollständig, wenn der eigene Vorteil als Tugend erscheint.
7

Die Tat gehört angeblich niemandem

Ill stirbt inmitten der Gemeinschaft. Die kollektive Durchführung verwischt individuelle Verantwortung. Nach außen kann sein Tod medizinisch erklärt und öffentlich inszeniert werden. Die Stadt erhält das Geld, ohne sich selbst als Täter bezeichnen zu müssen.

Warnsignal: Wo alle beteiligt sind, versucht jeder, nur ein unbedeutender Teil der Masse gewesen zu sein.

Wer trägt die größte Verantwortung?

Claire schafft die Situation bewusst und besitzt die wirtschaftliche Macht, das Ergebnis vorhersehbar zu machen. Die Bürger entscheiden sich dennoch selbst für Konsum, Verdrängung und Tötung. Ill wiederum ist an Claires früherem Leid schuldig, aber diese Schuld rechtfertigt keine gekaufte Hinrichtung. Das Drama verteilt Verantwortung, ohne die Unterschiede einzuebnen.

Unsere zentrale Deutung

Güllen wird nicht durch einen Geldkoffer plötzlich böse. Die Stadt verliert ihre Moral in vielen kleinen Schritten, in denen Wunsch, Gewöhnung und Rechtfertigung zusammenwirken. Claire kauft deshalb nicht einfach die Bürger. Sie schafft Bedingungen, unter denen sie sich selbst verkaufen und diesen Verkauf anschließend „Gerechtigkeit“ nennen.

Fragen zum Weiterdenken

  1. Ab welchem Kauf ist ein Bürger bereits an Ills Tod beteiligt?
  2. Wird Ill am Ende zum moralischsten Menschen Güllens, obwohl er schuldig ist?
  3. Warum braucht die Stadt eine feierliche Abstimmung, wenn die Entscheidung längst gefallen ist?

Fazit

Dürrenmatt zeigt nicht bloß, dass Geld Menschen korrumpiert. Er zeigt den psychologischen Prozess, durch den Menschen ihren Eigennutz vor sich selbst verbergen. Die Güllener möchten Wohlstand und moralische Achtung zugleich. Deshalb nennen sie Rache Gerechtigkeit und kollektive Gewalt eine ehrenhafte Entscheidung.

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