Bärlach erkennt, dass Tschanz Schmied ermordet hat, verhaftet ihn aber nicht sofort. Stattdessen lenkt er den Mörder gegen Gastmann, den er seit Jahrzehnten vergeblich überführen will. Der Kommissär löst damit zwei Probleme – aber er verlässt selbst den Boden des Rechts.
Kann ein gerechtes Ziel ungerechte Mittel rechtfertigen?
Der Kriminalroman beginnt mit dem Mord an Polizeileutnant Schmied. Tschanz wird Bärlachs Mitarbeiter bei der Untersuchung und versucht, den Verdacht auf Gastmann zu lenken. Bärlach durchschaut ihn früh. Gleichzeitig weiß er, dass Gastmann zwar viele Verbrechen begangen hat, für Schmieds Tod aber nicht verantwortlich ist.
Die alte Wette zwischen Bärlach und Gastmann verschärft den Konflikt. Gastmann behauptet, Verbrechen könnten durch den Zufall unentdeckt bleiben. Bärlach glaubt an Aufklärung, muss aber nach Jahrzehnten erkennen, dass das Recht Gastmann nicht erreicht. Seine letzte Strategie ist wirkungsvoll und moralisch problematisch: Er macht den tatsächlich schuldigen Tschanz zum Henker eines in diesem konkreten Fall Unschuldigen.
Schritt für Schritt genauer betrachtet
1. Bärlach erkennt Tschanz durch dessen Verhalten
Tschanz arbeitet auffällig energisch daran, Gastmann als Täter erscheinen zu lassen. Er kennt Einzelheiten, legt Spuren und drängt die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung. Bärlach beobachtet nicht nur Beweise, sondern auch den Zwang, mit dem Tschanz eine Lösung produzieren will. Der ältere Kommissär nutzt Erfahrung und psychologisches Verständnis statt bloßer Technik.
2. Tschanz ist Täter und zugleich Werkzeug
Tschanz hat Schmied aus Neid auf Erfolg, Bildung und persönliche Anerkennung getötet. Dafür trägt er volle Verantwortung. Bärlach macht sich diese Schuld zunutze: Weil Tschanz den Verdacht von sich ablenken muss, wird er Gastmann immer aggressiver verfolgen. Der Kommissär zwingt ihn nicht mechanisch, schafft aber bewusst eine Situation, in der die erwartete Gewalt wahrscheinlich wird.
3. Gastmann ist schuldig – aber nicht an Schmieds Mord
Bärlach kennt Gastmanns frühere Verbrechen und moralische Rücksichtslosigkeit. Dennoch gilt im konkreten Fall: Gastmann hat Schmied nicht getötet. Ein rechtsstaatliches Verfahren darf Menschen nicht für irgendeine ungesühnte Schuld bestrafen, indem ihnen eine fremde Tat zugerechnet wird. Bärlach trennt persönliche Gewissheit über Gastmanns Charakter nicht mehr von beweisbarer Schuld im aktuellen Fall.
4. Die Wette macht Gerechtigkeit persönlich
Seit Jahrzehnten erlebt Bärlach Gastmanns Straffreiheit als Niederlage seiner Überzeugung. Der Konflikt ist deshalb nicht nur dienstlich. Er betrifft sein Lebenswerk, seinen Stolz und seine begrenzte verbleibende Zeit. Die schwere Krankheit verstärkt den Druck, noch vor dem Tod zu handeln. Das macht seine Entscheidung verständlich, aber auch anfällig für Selbstjustiz.
5. Bärlach ersetzt das Verfahren durch eine Inszenierung
Der Kommissär sammelt nicht einfach Beweise für ein Gericht. Er setzt Figuren wie in einem Spiel gegeneinander. Gastmann erhält eine Warnung, Tschanz wird in die Konfrontation getrieben, und Bärlach plant den Ausgang, ohne ihn öffentlich verantworten zu müssen. Seine Intelligenz beeindruckt, doch die Eleganz des Plans darf die tödliche Manipulation nicht verdecken.
6. Das Ende Tschanz’ stellt keine saubere Gerechtigkeit her
Nach der Entlarvung wird Tschanz nicht regulär angeklagt. Kurz darauf kommt er vor einem Zug ums Leben, wahrscheinlich als Folge seiner aussichtslosen Lage. Damit sind Gastmann und Schmieds Mörder tot. Für Bärlach scheint die Rechnung geschlossen. Doch ein öffentliches Verfahren, ein Geständnis und eine gesellschaftliche Prüfung fehlen. Wahrheit bleibt im Besitz des Kommissärs.
7. Bärlach gewinnt praktisch und verliert moralisch
Bärlach erreicht, was ihm das Recht jahrzehntelang nicht ermöglichte: Gastmann wird gestoppt und Tschanz entlarvt. Gleichzeitig bestätigt seine Methode teilweise Gastmanns Weltbild. Zufall, Manipulation und Macht entscheiden stärker als ein geordnetes Verfahren. Der Vertreter des Rechts wird selbst zum Richter, der einen Täter als Henker benutzt.
Unsere zentrale Deutung
Bärlachs Ziel besitzt moralisches Gewicht: Er will einen gefährlichen Verbrecher stoppen und Schmieds Mörder erkennen. Seine Mittel bleiben dennoch Selbstjustiz. Gastmann wird für andere Taten getötet, ohne Verfahren; Tschanz wird als Werkzeug benutzt statt verhaftet.
Der Roman liefert deshalb keinen einfachen Helden. Bärlach ist dem Recht verpflichtet und verzweifelt an dessen Grenzen. Sein Sieg zeigt seine geistige Überlegenheit, aber auch eine Niederlage des rechtsstaatlichen Prinzips, das er eigentlich vertreten sollte.
Fragen zum Weiterdenken
- Wie unterscheidet sich Bärlachs moralische Gewissheit von einem gerichtlichen Beweis?
- Bestätigt sein Plan am Ende eher Bärlachs oder Gastmanns Position in der alten Wette?
- Hätte Bärlach eine realistische Möglichkeit gehabt, Tschanz festzunehmen und Gastmann weiter zu verfolgen?
Fazit
Dürrenmatts Kriminalroman belohnt den Leser mit einer überraschenden Aufklärung und nimmt ihm zugleich die Sicherheit eines gerechten Endes. Tschanz ist der Mörder Schmieds, Gastmann ist ein Verbrecher, und Bärlach durchschaut beide. Trotzdem entsteht Gerechtigkeit nicht automatisch daraus, dass am Ende schuldige Menschen sterben.
Die stärkste Interpretation hält fest: Bärlach handelt aus verständlicher Verzweiflung und überschreitet bewusst das Recht. Er gewinnt sein persönliches Duell, indem er zum Richter außerhalb des Gerichts wird. Genau darin liegt die beunruhigende Pointe des Titels.

Wenn die Meldung „Veröffentlichen fehlgeschlagen“ erscheint, akzeptiere bitte zuerst die Cookies, lade die Seite neu und versuche es mit einem normalen Kommentar ohne Link. Blogger kann zusätzlich eine Google-Sicherheitsprüfung oder reCAPTCHA verlangen.