Darf Bärlach Gastmann durch einen Täter bestrafen? – Der Richter und sein Henker

Kommissär Bärlach zwischen Gastmann und Tschanz wie ein Richter mit zwei Spielfiguren als Symbol für Recht und Selbstjustiz.

Zusammenfassung24 Denkwerkstatt

Bärlach erkennt, dass Tschanz Schmied ermordet hat, verhaftet ihn aber nicht sofort. Stattdessen lenkt er den Mörder gegen Gastmann, den er seit Jahrzehnten vergeblich überführen will. Der Kommissär löst damit zwei Probleme – aber er verlässt selbst den Boden des Rechts.

Kann ein gerechtes Ziel ungerechte Mittel rechtfertigen?

Der Kriminalroman beginnt mit dem Mord an Polizeileutnant Schmied. Tschanz wird Bärlachs Mitarbeiter bei der Untersuchung und versucht, den Verdacht auf Gastmann zu lenken. Bärlach durchschaut ihn früh. Gleichzeitig weiß er, dass Gastmann zwar viele Verbrechen begangen hat, für Schmieds Tod aber nicht verantwortlich ist.

Die alte Wette zwischen Bärlach und Gastmann verschärft den Konflikt. Gastmann behauptet, Verbrechen könnten durch den Zufall unentdeckt bleiben. Bärlach glaubt an Aufklärung, muss aber nach Jahrzehnten erkennen, dass das Recht Gastmann nicht erreicht. Seine letzte Strategie ist wirkungsvoll und moralisch problematisch: Er macht den tatsächlich schuldigen Tschanz zum Henker eines in diesem konkreten Fall Unschuldigen.

Schritt für Schritt genauer betrachtet

1. Bärlach erkennt Tschanz durch dessen Verhalten

Tschanz arbeitet auffällig energisch daran, Gastmann als Täter erscheinen zu lassen. Er kennt Einzelheiten, legt Spuren und drängt die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung. Bärlach beobachtet nicht nur Beweise, sondern auch den Zwang, mit dem Tschanz eine Lösung produzieren will. Der ältere Kommissär nutzt Erfahrung und psychologisches Verständnis statt bloßer Technik.

Was daran wichtig ist:Dürrenmatt zeigt Ermittlungsarbeit als Deutung menschlicher Interessen. Gerade der eifrigste Aufklärer kann ein persönliches Motiv verbergen.

2. Tschanz ist Täter und zugleich Werkzeug

Tschanz hat Schmied aus Neid auf Erfolg, Bildung und persönliche Anerkennung getötet. Dafür trägt er volle Verantwortung. Bärlach macht sich diese Schuld zunutze: Weil Tschanz den Verdacht von sich ablenken muss, wird er Gastmann immer aggressiver verfolgen. Der Kommissär zwingt ihn nicht mechanisch, schafft aber bewusst eine Situation, in der die erwartete Gewalt wahrscheinlich wird.

Was daran wichtig ist:Einen schuldigen Menschen zu manipulieren ist nicht automatisch gerecht. Tschanz bleibt Täter, Bärlach übernimmt Verantwortung für seine gezielte Verwendung.

3. Gastmann ist schuldig – aber nicht an Schmieds Mord

Bärlach kennt Gastmanns frühere Verbrechen und moralische Rücksichtslosigkeit. Dennoch gilt im konkreten Fall: Gastmann hat Schmied nicht getötet. Ein rechtsstaatliches Verfahren darf Menschen nicht für irgendeine ungesühnte Schuld bestrafen, indem ihnen eine fremde Tat zugerechnet wird. Bärlach trennt persönliche Gewissheit über Gastmanns Charakter nicht mehr von beweisbarer Schuld im aktuellen Fall.

Was daran wichtig ist:Allgemeine moralische Schuld ersetzt keinen Nachweis für die konkrete Tat, um die ein Verfahren geführt wird.

4. Die Wette macht Gerechtigkeit persönlich

Seit Jahrzehnten erlebt Bärlach Gastmanns Straffreiheit als Niederlage seiner Überzeugung. Der Konflikt ist deshalb nicht nur dienstlich. Er betrifft sein Lebenswerk, seinen Stolz und seine begrenzte verbleibende Zeit. Die schwere Krankheit verstärkt den Druck, noch vor dem Tod zu handeln. Das macht seine Entscheidung verständlich, aber auch anfällig für Selbstjustiz.

Was daran wichtig ist:Wer zugleich Ermittler, persönlicher Gegner und moralischer Richter ist, kann Interessen kaum noch sauber trennen.

5. Bärlach ersetzt das Verfahren durch eine Inszenierung

Der Kommissär sammelt nicht einfach Beweise für ein Gericht. Er setzt Figuren wie in einem Spiel gegeneinander. Gastmann erhält eine Warnung, Tschanz wird in die Konfrontation getrieben, und Bärlach plant den Ausgang, ohne ihn öffentlich verantworten zu müssen. Seine Intelligenz beeindruckt, doch die Eleganz des Plans darf die tödliche Manipulation nicht verdecken.

Was daran wichtig ist:Eine geniale Lösung kann moralisch falsch bleiben. Der Roman nutzt die Spannung des Krimis, um Leser für diese Ambivalenz empfänglich zu machen.

6. Das Ende Tschanz’ stellt keine saubere Gerechtigkeit her

Nach der Entlarvung wird Tschanz nicht regulär angeklagt. Kurz darauf kommt er vor einem Zug ums Leben, wahrscheinlich als Folge seiner aussichtslosen Lage. Damit sind Gastmann und Schmieds Mörder tot. Für Bärlach scheint die Rechnung geschlossen. Doch ein öffentliches Verfahren, ein Geständnis und eine gesellschaftliche Prüfung fehlen. Wahrheit bleibt im Besitz des Kommissärs.

Was daran wichtig ist:Tod beendet Konflikte, ersetzt aber keine transparente Gerechtigkeit. Ohne Verfahren kann auch die richtige Erkenntnis nicht öffentlich geprüft werden.

7. Bärlach gewinnt praktisch und verliert moralisch

Bärlach erreicht, was ihm das Recht jahrzehntelang nicht ermöglichte: Gastmann wird gestoppt und Tschanz entlarvt. Gleichzeitig bestätigt seine Methode teilweise Gastmanns Weltbild. Zufall, Manipulation und Macht entscheiden stärker als ein geordnetes Verfahren. Der Vertreter des Rechts wird selbst zum Richter, der einen Täter als Henker benutzt.

Was daran wichtig ist:Der Titel verteilt die Rollen nicht eindeutig: Bärlach ist Richter, Tschanz Henker – doch beide überschreiten moralische und rechtliche Grenzen.

Unsere zentrale Deutung

Bärlachs Ziel besitzt moralisches Gewicht: Er will einen gefährlichen Verbrecher stoppen und Schmieds Mörder erkennen. Seine Mittel bleiben dennoch Selbstjustiz. Gastmann wird für andere Taten getötet, ohne Verfahren; Tschanz wird als Werkzeug benutzt statt verhaftet.

Der Roman liefert deshalb keinen einfachen Helden. Bärlach ist dem Recht verpflichtet und verzweifelt an dessen Grenzen. Sein Sieg zeigt seine geistige Überlegenheit, aber auch eine Niederlage des rechtsstaatlichen Prinzips, das er eigentlich vertreten sollte.

Fragen zum Weiterdenken

  1. Wie unterscheidet sich Bärlachs moralische Gewissheit von einem gerichtlichen Beweis?
  2. Bestätigt sein Plan am Ende eher Bärlachs oder Gastmanns Position in der alten Wette?
  3. Hätte Bärlach eine realistische Möglichkeit gehabt, Tschanz festzunehmen und Gastmann weiter zu verfolgen?

Fazit

Dürrenmatts Kriminalroman belohnt den Leser mit einer überraschenden Aufklärung und nimmt ihm zugleich die Sicherheit eines gerechten Endes. Tschanz ist der Mörder Schmieds, Gastmann ist ein Verbrecher, und Bärlach durchschaut beide. Trotzdem entsteht Gerechtigkeit nicht automatisch daraus, dass am Ende schuldige Menschen sterben.

Die stärkste Interpretation hält fest: Bärlach handelt aus verständlicher Verzweiflung und überschreitet bewusst das Recht. Er gewinnt sein persönliches Duell, indem er zum Richter außerhalb des Gerichts wird. Genau darin liegt die beunruhigende Pointe des Titels.

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